75 Millionstel von einem Gramm reichen aus. Es braucht nicht viel LSD, um unser Bild von der Welt und von uns selbst völlig zu verändern. Ein britisches Forschungsteam hat erstmal sichtbar gemacht, was LSD in unserem Gehirn anstellt.
Fast das ganze Gehirn leuchtet in bunten Farben. Studienleiter Robin Carhart-Harris und sein Team konnten mit Hilfe von bildgebenden Verfahren aufzeigen, dass unter der Wirkung von LSD viele Bereiche unseres Gehirns anscheinend gleichzeitig aktiviert werden, und das obwohl die Testpersonen sich ruhig verhielten und ihre Augen geschlossen hatten.
„Normalerweise besteht unser Gehirn aus unabhängigen Netzwerken, die verschiedene spezielle Funktionen erfüllen wie Sehen, Bewegungen und Hören – aber auch komplexe Dinge wie Aufmerksamkeit“, erklärt Carhart-Harris. Unter dem Einfluss von LSD funktioniert die getrennte Informationsverarbeitung jedoch nicht mehr. Das Gehirn scheint als Ganzes aktiviert zu werden und arbeitet eher wie eine Einheit.
Ein Gehirn unter LSD ähnelt dem eines Kindes
Einzelne Hirnareale spezialisieren sich erst im Laufe der Entwicklung von der Kindheit bis zum Erwachsenen. Das Denken wird zunehmend fokussierter, indem weniger wichtig erscheinende Informationen ausgeblendet werden. Die Spezialisierung der Hirnareale scheint durch LSD jedoch zumindest für die Dauer der Wirkung wieder aufgehoben zu werden. „In vielerlei Hinsicht ähnelt unser Gehirn unter dem Einfluss von LSD mehr dem eines Kindes: frei und ungezwungen“, erläutert Cahart-Harris.
In einem Interview mit dem Magazin Nature erklärt David Nutt, Co-Leiter der Studie, dass insbesondere der visuelle Cortex seine Aktivität verstärkt. Diese Hirnregion ist für die bildliche Wahrnehmung zuständig und scheint unter dem Einfluss von LSD die Kommunikation mit anderen Gehirnregionen zu verstärken. Dies könne auch eine Erklärung dafür sein, warum es zu den intensiven Wahrnehmungsveränderungen unter dem Einfluss von LSD kommt. Je mehr Areale bei den Testpersonen beteiligt waren, umso komplexer und traumähnlicher waren die Erscheinungen.
Carhart-Harris fügt hinzu: „Unsere Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass dieser Effekt die Grundlage ist für die Bewusstseinsveränderungen, die Personen häufig während einer LSD-Erfahrung beschreiben.“ Konsumierende berichten von einem Zustand, den sie als „Ego-Auflösung“ bezeichnen. Damit ist gemeint, dass sich die normale Selbstwahrnehmung auflöst und sich ein Gefühl des Eins seins mit anderen oder der Natur einstellt.
An der Studie waren 20 Freiwillige beteiligt, denen entweder 75 Mikrogramm LSD oder ein Placebo, also ein nicht wirksames Mittel gespritzt wurde. Mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren wurde die Hirnaktivität sichtbar gemacht, während die Testpersonen mit geschlossenen Augen sich entspannen sollten. Trotz der kleinen Fallzahl hätten sich nach Aussage von David Nutt klare und statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Versuchsreihen mit und ohne LSD gezeigt.
Was ist LSD?
LSD ist die Abkürzung für Lysergsäurediäthylamid und wird auch als Lysergid bezeichnet. Es handelt sich um eine halbsynthetische Droge mit halluzinogener Wirkung. LSD wird durch eine chemische Veränderung der Lysergsäure hergestellt. Das ist eine Aminosäure, die natürlicherweise in Mutterkorn vorkommt. Mutterkorn ist ein Schimmelpilz, der Getreide befallen kann.
Geschichtlicher Hintergrund von LSD
Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann hat die Wirkung von LSD zufällig entdeckt. Am 16. April 1943 erlebte er plötzlich eine merkwürdige Ruhelosigkeit und hatte visuelle Wahrnehmungsstörungen. Hofmann vermutete, dass Lysergsäurediäthylamid die Ursache war, da es die einzige Substanz war, mit der er an diesem Tag experimentiert hatte. Um der Vermutung nachzugehen, nahm er mit 0,25 Milligramm eine vermeintlich geringe Dosis LSD. Tatsächlich war es ungefähr das Zehnfache der wirksamen Dosis. Hofmann erlebte daraufhin einen intensiven LSD-Rausch, den er in seinem Buch „LSD – mein Sorgenkind“ beschrieb.
In der Hippie-Bewegung der 1960er Jahre bekam die unkontrollierte Verbreitung von LSD Auftrieb als der bis dahin unbekannte Harvard-Professor Timothy Leary den Konsum von LSD zur Bewusstseinserweiterung anpries. Als der Konsum immer stärker um sich griff, wurde die Gesetzgebung restriktiver, bis LSD schließlich in den meisten Ländern verboten wurde.
Ursprünglich wurde LSD unter dem Namen „Delysid“ von der Firma Sandoz auf den Markt gebracht. Es wurde zur Unterstützung von Psychotherapien verwendet. Noch bis Anfang der 1990er Jahre hatten einige Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz eine Sondergenehmigung für diese Art der Anwendung. Psycholyse nannte sich die LSD-unterstützte psychotherapeutische Methode, bei der sich Therapeuten und Therapeutinnen die Wirkung von LSD zunutze machten, um einen besseren Zugang zu verdrängten und unbewussten Bereichen der Persönlichkeit der Patientinnen und Patienten zu bekommen.
In welcher Form wird LSD konsumiert?
Auf dem illegalen Markt wird LSD meist in Form von kleinen „Pappen“ oder als kleine Pillen („Mikros“) verkauft. Die Pappen, also die Papierstücke, auf denen sich das LSD befindet, sind oft bunt bedruckt. LSD selbst ist jedoch farb- und geruchlos. Die Pappen werden gelutscht, wobei das LSD über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Mikros werden in der Regel geschluckt.
Wie hoch sind Dosierung und Wirkungsdauer von LSD?
Der Wirkstoffgehalt kann, wie bei allen illegalen Drogen, stark schwanken. LSD wirkt bereits ab 20 Mikrogramm (millionstel Gramm) und gehört damit zu den stärksten Drogen überhaupt. Typischerweise werden zwischen 20 und 80 Mikrogramm konsumiert. In klinischen Studien wurden mitunter auch deutlich höhere Dosen verabreicht.
Die Wirkung tritt bei oraler Einnahme meist nach 30 Minuten ein, hat ihren Höhepunkt nach etwa 2,5 Stunden und kann über 8 bis 12 Stunden oder länger andauern.
Welche Wirkung hat LSD?
LSD gehört zu den stärksten Drogen überhaupt, da es bereits ab einer Dosis von 20 Mikrogramm wirksam ist.
LSD bewirkt einen moderaten Anstieg des Blutdrucks, des Pulses, der Körpertemperatur und eine Weitung der Pupillen. Bei der Wirkung von LSD stehen aber vor allem jene Effekte im Vordergrund, die sich auf die Wahrnehmung und das Denken auswirken. Der Rauschverlauf hängt dabei stark von der Person, ihren Erwartungen und der Situation ab. Wie sich die Stimmung im Rausch entwickelt, ist daher nur schwer vorherzusagen.
Typisch beim Konsum von LSD sind Halluzinationen. Genau genommen handelt es sich nicht um Halluzinationen, wie sie bei einer Psychose auftreten. Im Gegensatz zu Psychotikern sind sich LSD-Konsumierende bewusst, dass die Wahrnehmungsveränderungen nicht echt sind. Umgangssprachlich sprechen Konsumierende auch von „Optiken“. Das können zum Beispiel Gegenstände sein, die sich anfangen zu bewegen oder ineinander verschmelzen, Farben, die intensiver leuchten oder Lichteffekte, die sich kaleidoskopartig verändern.
Die Wirkung von LSD hat Einfluss auf alle Sinneskanäle. Dies kann ein Phänomen zur Folge haben, das als Synästhesie bezeichnet wird. Zwei unterschiedliche Sinneskanäle wie Hören und Sehen werden miteinander gekoppelt. Dann können Geräusche bildhafte Wahrnehmungen erzeugen.
Bildgebende Verfahren konnten zeigen, dass das Gehirn unter dem Einfluss von LSD insgesamt vernetzter zu sein scheint. Die im Laufe der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen erworbene Spezialisierung von Gehirnbereichen für unterschiedliche geistige Funktionen scheint ausgesetzt. Das Gehirn scheint unter der Wirkung von LSD als Ganzes aktiviert zu werden und wird in einen Zustand versetzt, der dem eines Kleinkinds ähnelt.
Diese veränderte Arbeitsweise des Gehirns geht einher mit einem Effekt, der als Ego-Auflösung bezeichnet wird. Dabei geht das normale Gefühl der Ich-Begrenztheit verloren. Konsumierende haben das Gefühl, eins zu sein mit der Natur oder mit anderen Menschen. Eingefahrene Denkstrukturen werden durchbrochen. Alle Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Riechen oder Schmecken werden intensiviert. Getragen wird dieser Effekt meist von einer positiven Grundstimmung bis hin zu einer kosmisch-mystisch anmutenden Einheitserfahrung.
Welche akuten Risiken bestehen beim Konsum von LSD?
LSD gilt als vergleichsweise ungiftig. Geschätzt wird, dass eine tödliche Dosis über der 3.000-fachen Dosis liegt, die für einen „Trip“ auf LSD normalerweise eingenommen wird. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass Personen aufgrund der Verkennung der Realität verunglücken. Solche Fälle gelten aber als extrem selten.
Da der Rauschverlauf stark abhängig ist von der Person, ihren Erwartungen und der Situation kann die positive Stimmung im Rausch auch in Panik und Entsetzen umkippen. Aus dem als angenehm erlebten Rausch wird dann ein Horror-Trip. Dabei handelt es sich um eine extreme psychische Ausnahmesituation, die geprägt ist durch starke Angst. In der Regel erholen sich Betroffene mit Abklingen der Wirkung, mitunter kann ein solcher Zustand aber auch einige Tage anhalten.
Welche möglichen langfristigen Folgen von LSD gibt es?
Flashbacks
Als eine mögliche Langzeitfolge der Einnahme von LSD wird in der Wissenschaft das Auftreten von Flashbacks diskutiert. Flashbacks sind meist optische Erscheinungen, die Tage oder Wochen nach dem Konsum auftreten. Diese halten meist nur einige Sekunden bis Minuten an. Bei den meisten Personen verschwinden die Flashbacks im Verlauf weniger Wochen und treten vor allem bei Personen auf, die bereits mehrmals LSD konsumiert haben.
Die Diagnose HPPD
Für Personen, die Flashbacks als sehr unangenehm und beeinträchtigend wahrnehmen, gibt es die Diagnose „Halluzinogen-induzierte persistierende Wahrnehmungsstörung“, kurz: HPPD. Berichten zufolge können die Wahrnehmungsstörungen im Einzelfall Monate bis Jahre anhalten. Das Auftreten von HPPD gilt jedoch als sehr seltenes Störungsbild. Personen mit Angststörungen scheinen ein höheres Risiko zu haben.
LSD und das Risiko von Psychosen
In der wissenschaftlichen Literatur sind Fälle beschrieben worden, in denen nach dem Konsum von LSD drogeninduzierte Psychosen ausgelöst wurden, die auch nach Abklingen der Wirkung anhalten. Allerdings ist unklar, inwiefern LSD eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung einer dauerhaften Psychose wie Schizophrenie spielt. Angenommen wird, dass Betroffene vermutlich auch ohne LSD an einer Schizophrenie erkrankt wären. Allgemein konnten Studien kein erhöhtes Risiko für mentale Erkrankungen wie Psychose oder Depressionen nach LSD-Konsum nachweisen. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass LSD im Einzelfall als Auslöser ein relevanter Faktor für psychiatrische Störungen sein kann.
Rechtlicher Status
LSD untersteht dem Betäubungsmittelgesetz und ist in Anlage 1 unter den „nicht verkehrsfähigen“ Betäubungsmitteln eingruppiert. Der Umgang mit LSD ist somit illegal.
Auf dem Drogenmarkt werden zuweilen auch Varianten vermarktet, die aufgrund kleiner Abweichungen in der chemischen Struktur (noch) nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstehen. In diesem Zusammenhang ist die Substanz 1D-LSD zu nennen, die in Deutschland mancherorts als legales LSD sogar in Automaten verkauft wird. Allerdings ist nicht sich, ob in den unkontrollierten Produkten auch das drin ist, was draufsteht.
Wichtige Erkenntnisse auf einen Blick
- LSD ist eine halbsynthetische Droge mit halluzinogener Wirkung
- Die Droge wird durch eine chemische Veränderung der Lysergsäure aus dem Schimmelpilz Mutterkorn gewonnen.
- LSD wirkt auf Serotonin-Rezeptoren im Gehirn und führt zu veränderten Wahrnehmungsprozessen wie Halluzinationen oder Synästhesien, wobei die Wirkung 8 bis 12 Stunden oder länger anhalten kann.
- Während LSD körperlich als vergleichsweise ungiftig gilt, bestehen akute psychische Risiken wie Horror-Trips sowie seltene Langzeitfolgen in Form von Flashbacks oder anhaltenden Wahrnehmungsstörungen, der „Halluzinogen-induzierten persistierenden Wahrnehmungsstörung (HPPD)“.
- Rechtlich ist LSD im Betäubungsmittelgesetz als nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel eingestuft, womit der Umgang mit der Substanz illegal ist.
Quellen:
- Pressemitteilung Imperial College London (11.4.2016)
- Nature News (11.4.2016)
- Carhart-Harris, R., Muthukumaraswamy, S., Roseman, L., Kaelen, M., Droog, W., Murphy, K., Tagliazucchi, E., Schenberg, E. E., Nest, T., Orban, C., Leech, R., Williams, L. T., Williams, T. W., Bolstridge, M., Sessa, B., McGonigle, J., Sereno, M. I., Nichols, D., Hellyer, P. J., Hobden, P., Evans, J., Singh, K. D., Wise, R. G., Curran, H. V., Feilding, A. & Nutt, D. (2016). Neural correlates of the LSD experience revealed by multimodal neuroimaging. PNAS, doi: 10.1073/pnas.1518377113.
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